Der lange letzte Weg

Emporio-Tyras v. Schloß Nordkirchen
10.04.1999 – 09.12.2006

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 Nachdem das Fährtentraining im Verlauf des Jahres 2005 (vor allem in der Vorbereitung auf die Meisterschaften im September) keine Verbesserung seiner Leistungen gebracht hat, werde ich langsam unruhig. Auf dem AW in Aichach hat sogar der Leistungsrichter eine Bemerkung fallenlassen, ob der Hund denn ganz gesund sei, mit sechseinhalb dürfe er eigentlich bei dem Ausbildungsstand und den guten Bedingungen nicht mit solch offenem Fang suchen. Nun – im Mai 2005 hatten wir noch den jährlichen Vorsorge-Herzultraschall bei der Haustierärztin – Befund: „altersmäßig alles in Ordnung“.

Also habe ich für Ende Oktober einen erneuten Termin in der Praxis gemacht, und siehe da: er hat hochgradige DCM. Eine niederschmetternde Diagnose, denn das hatte ich mit dem Khan schon durch, der ist im September 2001 deswegen eingeschläfert worden. Wie kann sich das so schnell ändern – gestern noch ok und heute todkrank? Ich verstehe es nicht und bin wie vor den Kopf geschlagen.

 

Ich habe am Monatsende die Leistungsprüfung in Ascheberg gemeldet und nehme morgens erstmal das Fährtengelände in Augenschein, um dann zu entscheiden, ob ich ihm einen Start überhaupt zumuten kann. Die Diagnose ist da gerade erst zwei Tage alt. Nachdem ich den wunderschönen schwarzen Acker mit sehr dichtem knöchelhohem Bewuchs gesehen habe, gebe ich grünes Licht. Das schafft er mit links, besonders anstrengend wird es nicht. Er bestätigt das mit einer sauberen Leistung, wir gehen mit 97 Punkten aus der FP3. Toll. Gleichzeitig mit der besten Leistung seiner Karriere als Prüfungshund geht er damit in die vorzeitige Rente. Er ist jetzt absolut austrainiert und guter Dinge, aber das kann und will ich nicht aufrechterhalten. Ich weiss nicht genau, was die Zukunft bringt, aber sicher andere Schwerpunkte als leistungsmäßiges Training.

 

Was jetzt folgt, sind Medikamente und Hoffen und Bangen, dass sie anschlagen.

Oktober 2005

 

 

Keine besonderen Vorkommnisse, ich muss das auch alles erstmal verarbeiten. Medikamente, Medikamente, tonnenweise Medikamente.

Aktuelle Verschreibung: 2 x 3 Vetmedin zur Stärkung des Herzens, außerdem Furosemid zum Entwässern.

 

November 2005

 

 

 Die Hinterhand wird schwächer, er baut Muskulatur ab, wird wacklig beim Laufen. Erneutes Röntgen, da wir schon seit Jahren von seiner Spondylose wissen. Ergebnis: an 2 Wirbeln sind Entzündungsherde zu erkennen, die können natürlich dafür sorgen, dass er Schmerzen hat und entlastet, daher auch der Muskelabbau. Zum Glück hat er schon seit Jahren wegen Arthrose in den Ellenbogengelenken Goldakupunktur. Die Vorhand braucht er nun zur Entlastung der Hinterhand, gut, dass er dort offensichtlich schmerzfrei ist. Ob auch noch cauda equina oder Wobbler vorliegt (wegen des wackligen Gangbildes), kann niemand sagen, die Vermutung steht im Raum, aber die Diagnostik ist für einen Herzpatienten in dem Zustand unmöglich machbar. Es müsste unter Narkose in einer gehaltenen Aufnahme geröntgt werden, oder er müsste ins CT – das geht nicht. Also symptomatisch behandeln. Mist. Ein weiteres Symptom ist seine zunehmende Inkontinenz. Er kann den Kotabsatz nicht mehr kontrollieren. Ich finde fast jeden Morgen ein Häufchen auf seinem Kissen, als ob die einfach so aus ihm rausfallen. Der Hund liegt dann natürlich woanders, es ist ihm sichtlich unangenehm. Nun gut, dann putze ich eben mehr – deswegen zieht er sicher nicht in die Garage um, oder in den Keller. Ich spreche mit Alexander darüber und wir sind beide der Meinung, dass man das managen kann. Es ist nun mal nicht zu ändern.

 

Zusätzliche Medikation: Previcox gegen die Schmerzen und die Entzündung. Macht sich nicht gut im Zusammenspiel mit den Herzmedikamenten, aber was soll man tun, Pest oder Cholera werden wohl für die nächsten (und letzten) Monate die Alternativen sein, mehr bleibt da nicht. Außerdem quaddeln mit Cortison, was einige Verbesserung bringt, aber natürlich auch den Wasserhaushalt durcheinander. Kurz vor Weihnachten der erste Akupunkturtermin in Rheinberg, außerdem Erstuntersuchung bei einer klassischen Tierhomöopathin, die zum Glück zu uns nach Hause kommt. Zusätzlich Umstellung auf BARF, ich lasse mir einen Futterplan erstellen, damit ich da nichts falschmache. Teilbarf gab es eh schon, also ist die Umstellung nicht all zu groß. Fressen tut er nach wie vor gern, das ist gut. Ich gebe etwas mehr Knochen, das macht das wegputzen wegen der Inkontinenz etwas einfacher und schaden tut es nicht.

 

Eine Spielrunde mit einem Schäferhund Ende Dezember zeigt seine relativ gute Laune, aber am nächsten Tag gibt es natürlich einen Rückschlag. Alles tut weh … ich kann doch nicht alles verbieten?

 

Der Jahreswechsel macht mir Sorgen, an Silvester zeigt er seit einigen Jahren deutliche Panik. „Abschießen“ mit Beruhigungsmitteln kann ich ihn natürlich nicht, bei dem Medikamentencocktail, den er schon bekommt. Also versuchen wir mehr schlecht als recht, das Bombardement aus der Nachbarschaft mit heruntergelassenen Rolläden, aufgedrehter Musik, Ignorieren des Ganzen meinerseits und Rescue-Tropfen für alle zu überleben. Überlebt haben wir das auch, aber wie…schönes neues Jahr geht anders.

 

Dezember 2005

 

 

 

 

 

Peter ist aus dem Frankenland gekommen, wir treffen uns Anfang Januar am Rhein mit Bettina und machen Fotos von Herrn Tüdfried. Ich habe ziemlich gequengelt deswegen, weil ich wirklich nicht weiss, wie lange er noch zu leben hat. Von Rocky, unserem gelben Rüden, der 1995 im Alter von 4 Jahren gestorben ist, habe ich überhaupt nur 5 Fotos, und die sind auch noch furchtbar schlecht. Ich möchte gern eine schöne Erinnerung haben, und Peters Fotos sind einfach wunderschön. Ich freue mich riesig, dass es klappt und dass bei der Session einige wunderbare Bilder herauskommen. Was bleibt denn sonst…

 

Herr Tüdfried hat eine riesige Krise in diesen ersten Tagen des Jahres 2006.

 

Ich muss ihm zusätzliche Schmerzmittel geben, weil die Knochen große Probleme bereiten. Zusätzlich fangen wir mit der homöopathischen Behandlung an. Ein Eiertanz zwischen Schulmedizin und Homöopathie beginnt, und eine ständige Gratwanderung von Abwägen, Dosieren, beobachten. Es ist zum Wahnsinnigwerden.

 

Den Addison-Verdacht (einer meiner kleinen Strohhalme, an denen ich mich festhalten konnte für einige Wochen) redet meine Tierärztin mir aus. Damit kennt sie sich wirklich gut aus, und bei ihm ist es mehr als unwahrscheinlich. Ich lese wohl ein bisschen viel, und das ziemlich selektiv…ja ja, die Patientenhalter. Addison ist eine chronische Erkrankung der Nebennieren, die Symptome machen kann, wie Herr Tüdfried sie hat. Aber nun ist es das eben nicht.

 

Wir könnten ihn gar nicht so lange ohne Cortison lassen, wie es bräuchte, um ein entsprechendes Blutbild zu erstellen. Das wären acht Wochen, und das geht nicht, er müsste für ein unsinniges Röhrchen Blut wirklich leiden. Also den Gedanken fallenlassen. Ich hätte mich über Addison jedenfalls gefreut, das ist einigermaßen behandelbar und nicht so endgültig wie DCM – man klammert sich an Schwachsinn, gell?

 

Am 8. Januar ist es so weit, während einer schrecklichen Nacht melde ich mich per SMS in der Praxis an – ich bin überzeugt, dass ich ihn einschläfern lassen muss.

 

Auf dem Hinweg (es ist Sonntagmorgen – natürlich ist Sonntag, wie sollte es anders sein?) rufe ich aus dem Auto die THP an und heule mich aus – sie sagt, ich soll nicht aufgeben, es sei noch nicht so weit. Einschläfern sei sehr endgültig, das könne ich immer noch, ich solle an ihn glauben. Ihr Wort in Gottes Ohr, ich würde es gern glauben, aber ich stecke auch schon zu tief drin in dieser ganzen Sache, ich kann das nicht mehr objektiv von außen beleuchten. Ein wenig fasse ich trotzdem Mut, aber wie er dann so wacklig und schnorchelnd und hustend aus dem Auto steigt in Wetter, da wird mir wieder sehr mulmig. Ich hatte mich am Abend vorher schon von ihm verabschiedet und wollte ihm wirklich diesen Dienst erweisen.

 

Kathrin (unsere Haustierärztin) wäscht mir aber mal wieder gründlich den Kopf und sagt, da ginge noch einiges. Sie könnte ihn jedenfalls noch nicht einschläfern. Er bekommt einen Cocktail aus Schmerzmitteln, Hyaluronsäure, Depot-Cortison und anderen guten Dingen und geht wieder ins Auto – schlafen, nur schlafen.

 

Ich bin fertig mit den Nerven, aber auch froh, dass wir es nochmal geschafft haben. Meine Güte, das zerrt an den Nerven…so was wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht. Obwohl es den ewigen Zweiflern, die mich Hysterikerin nennen, mal ganz gut täte, solch einen Leidensweg mitzuerleben, vielleicht würden sie dann anders über die ganze Sache denken und über Zucht und Erblichkeit. Die wissen gar nicht, was sie den Leuten und vor allem den Hunden antun!

 

Das geht nun seit drei Monaten so, mit dem ewigen auf und ab und hoch und runter und himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt, wie lange müssen wir noch? Wahnsinn, was man alles aushalten kann.

 

Mitte Januar beginnt zusätzlich die Physiotherapie, um die verkrampften Muskeln zu lockern und ihm generell mehr Wohlbefinden zu gönnen. Aufs Unterwasserlaufband kann er natürlich nicht – das macht man nicht mit Herzpatienten. Also genießt er die Massage und lässt sich ordentlich durchkneten. Was soll’s.

 

Ende Januar fahren wir zu Dr. Hollensteiner nach Ostwestfalen. Er ist zweiter Vorsitzender meiner Landesgruppe und außerdem Mitglied des Zuchtausschusses. Ich hatte ihn angerufen, um ihm den Fall zu schildern und möchte mich mit ihm unterhalten. Ich heule mich am Couchtisch bei Kaffee und Kuchen aus. Horst und seine Frau Edith sind sehr betroffen und Horst verspricht mir, sich eingehend mit dem Thema auseinanderzusetzen. Mir geht es da nicht um unseren individuellen Fall, denn da ist die Prognose klar und die Zeit sehr begrenzt. Mir geht es um die Zukunft der Rasse, denn die Daten, die ich mittlerweile gesammelt habe über diagnostizierte Hunde, die machen mich sehr unruhig für die Zukunft. Je mehr man mit Leuten über DCM spricht, desto häufiger bekommt man Informationen über ebenso erkrankte oder bereits daran verstorbene Hunde. Wir sind kein Einzelfall.

 

Januar 2006

 

 

 

 

 

Anfang Februar haben wir die erste Herzuntersuchung in der Tierklinik Duisburg. Dr. Kresken, der dortige Kardiologe, ist mir empfohlen worden, und so gut ich mich mit meiner Haustierärztin verstehe und ihr vertraue – Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Also auf zum Facharzt.

Wir müssen das Diuretikum (also das Entwässerungsmedikament) erhöhen, damit das angestaute Wasser aus dem Körper geht und der Kreislauf entlastet wird. Er kann dann besser atmen und das Herz geht auch besser. Bei der Untersuchung hat er eine Herzfrequenz von 200, so aufgeregt ist er (ich hoffe zumindest, dass es die Aufregung ist). Das muss jedenfalls beobachtet werden und die HF muss runter. Normal wären so 90…davon sind wir grad meilenweit entfernt.

Dr. Kresken bestätigt die Diagnose DCM und passt die Medikation ein wenig an. Große Hoffnung macht er mir nicht, es ist was es ist: Endstadium. Machen wir das Beste draus…

 

Mitte Februar fängt er an, sich die Rute innen blutig zu beißen. Als ob es furchtbar juckt, so knabbert er an sich herum. Dicke Krusten unterm Fell, es beginnt an manchen Stellen zu eitern. Hilfe, schon wieder eine Baustelle. Irgendwann kippe ich Teebaumöl drauf, das riecht und schmeckt absolut eklig und prompt lässt er die Stellen in Ruhe. Man wird pragmatisch mit der Zeit und will auch gar nicht mehr für alles die Gründe wissen. Ich erwähne das zwar allen Behandlern gegenüber (und das sind mittlerweile der Kardiologe, die Haustierärztin, die Homöopathin, die Akupunkteurin und die Physiotherapeutin – ich hoffe, ich habe niemanden vergessen *schiefgrins*) aber keiner kann sich und mir das erklären. Also so lassen, es ist ja besser mit dem Öl. Meine Güte.

 

Im Augenblick belaufen sich die durchschnittlichen monatlichen Kosten für Behandlungen und Medikamente auf rund € 500,- nur um mal eine Hausnummer zu nennen. Davon entfallen allein rund € 250,- auf Herzmedikamente.

 

Insgesamt geht es ihm nicht besonders gut, mal läuft er schlecht, dann kann er schlecht Urin absetzen, dann hechelt er viel (klar, das Wasser staut sich), dadurch mag er auch gar nicht mehr laufen, das ist so ein schlimmer Teufelskreis, dass ich manchmal ganz verzweifelt bin. Die THP will ein anderes Konstitutionsmittel suchen, das bisherige scheint nicht das Richtige zu sein. Nun, mir soll es recht sein, Hauptsache es verbessert sich etwas. Ich schwanke zwischen Hoffnung und Resignation, schleppe ihn weiterhin zu seinen Behandlungen und auf die kleinen Seniorenspaziergänge und frage mich, was das alles noch für einen Sinn hat. Der Hund ist noch keine sieben Jahre alt und „fertig“.

 

Wir geben ab Ende Februar das neue Konstitutionsmittel und siehe da – abends jagt er auf dem Spaziergang einen Feldhasen über den Acker. Ich stehe da mit Tränen in den Augen (nicht wegen des Ungehorsams – klar tut der Hase mir ein wenig leid, aber er kann den alten Herrn locker abhängen und ein wenig Training brauchen doch auch Beutetiere…es sei uns verziehen!). Er scheint sich tatsächlich besser zu fühlen, und das ist es, was zählt.

 

Februar 2006

 

 

 

 

Wir sind in Xanten auf dem Hundeführerlehrgang, ich muss hin, um meine Übungsleiterlizenz zu verlängern. Habe lange überlegt, ob ich den Hunden das antue, aber mit dem neuen Mäntelchen machen die eisigen Temperaturen nichts, und er freut sich über seine Kumpels Pepe und Jumbo. Die Stimmung ist insgesamt sehr gut, er ist in den letzten Tagen extrem gut gelaunt – das kannte ich schon gar nicht mehr. Freut mich riesig J

Allerdings bekommt er nun ein richtiges braunes Ponyfell, und das, wo er doch immer lackschwarz war? Na, wieder ein Nebenkriegsschauplatz, und da es ihn zu jucken scheint, wird er natürlich täglich gestriegelt was das Zeug hält und ich nehme mir vor, ihn bei wärmerem Wetter mal zu baden.

 

Bis zum Monatsende ist er insgesamt äußerst gut drauf, sowohl im Kopf als auch drumherum J geht es aufwärts? Wie lange?

 

März 2006

 

 

 

 

 

Tyras hat Geburtstag. Am 10. April wird er sieben Jahre alt. Zur Feier des Tages gönnt er sich eine knackige Beißerei mit seinem besten Freund Pepe. Es geht um einen Knochen und ich bin schuld. Wie blöde muss man sein…Ergebnis ist ein dickes Loch in seiner Schulter, das sich aber gut behandeln lässt. Das musste nun nicht sein und ich mache mir Vorwürfe, aber jetzt ist es nicht mehr zu ändern. Hunde sind nun mal Hunde und ich kann ihn doch nicht andauernd in Watte packen, das lässt er sich ja auch gar nicht gefallen. Recht hat er, der olle Knochen – und austeilen kann er auch noch. Sorry Pepe, dass Du auch ein paar Kratzer abbekommen hast!

 

Wir geben seit einigen Tagen ein homöopathisches Mittel zur Entwässerung, wollen sehen, ob wir die Schulmedizin ein wenig runterschrauben können. Es scheint zu funktionieren, und ich bin sehr froh, wenn wir den Medikamentencocktail ein bisschen reduzieren können, denn keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Gute Sache J

 

Insgesamt wird das Allgemeinbefinden besser, die Nebenkriegsschauplätze werden weniger, und er verpackt den Alltag wieder besser. Auch besondere Situationen wie Lehrgänge oder Seminare oder Besuch daheim bekommen ihm gut. Er nimmt gern am Leben teil und alles funktioniert im Rahmen der schlimmen Erkrankungen, die ihn plagen, gut. Ich bin zeitweise richtig glücklich – aber wann kommt der nächste Absturz? Ich traue dem Braten natürlich nicht und so ganz kann ich das nicht genießen, aber ich bemühe mich. Er merkt das ja auch, also reiße ich mich zusammen.

 

April 2006

 

 

 

 

 

Es wird heiß. Es wird sogar sehr heiß. Ich habe jetzt schon Angst vor dem Sommer, aber er kommt mit dem Wetter erstaunlich gut klar. Unglaublich. Nimmt sogar Sonnenbäder im Garten, der Idiot. Ich scheuche ihn in den Schatten, er wechselt grummelnd den Liegeplatz und wenn ich mich umdrehe, wandert er wieder zurück. Kleine schwarze Sonnenuhr, zählt die heit’ren Stunden nur…naja, Altersstarrsin. Soll er machen.

 

Ein erneuter Herzultraschall bei der Haustierärztin zeigt eine leichte Verbesserung der Werte. JUHU! Die Medikamente tun ihr Werk. Darf ich mich freuen?

Die turnusmäßige Blutuntersuchung ergibt, dass auch hier alles im grünen Bereich ist. Super! Nun macht sich doch ein wenig Erleichterung breit. Natürlich weiss ich, welches Damoklesschwert über uns schwebt, aber das lässt sich nicht ändern und ich beschließe, dass ich versuche, alles so zu nehmen wie es kommt. Wieder mal J

 

Mai 2006

 

 

 

 

Insgesamt drei sehr schöne und ruhige Monate ohne besondere Vorkommnisse. Deshalb natürlich besonders erwähnenswert. Es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Ich habe ihn gebürstet wie ein Weltmeister und zweimal mit medizinischem Shampoo im Garten eingeschäumt und abgewaschen. Hat ihm super gefallen und ihm auch gutgetan. Nun glänzt er wieder tiefschwarz wie eine Speckschwarte. Eine schöne Zeit haben wir miteinander!

 

Juni – August 2006

 

 

 

 

 

In Bochum findet Anfang des Monats die Leistungsprüfung statt, wir sind als Zaungäste dabei und drücken allen die Daumen. Ein sehr schönes Wochenende. Schade, dass wir nicht aktiv teilnehmen können, aber es gibt wirklich Wichtigeres im Leben J

Ende des Monats die turnusmäßige Herzuntersuchung, nun wieder in der Tierklinik bei Dr. Kresken. Die Werte sind alle um etwa 10% schlechter geworden. Schock! Es ging ihm doch so gut? Im Mai waren die Werte doch besser geworden? Kann das alles so schnell gehen?

 

Dr. Kresken erklärt mir, dass ein Ultraschall eine subjektive Untersuchung ist, und dass Qualität und Aussagekraft mit der Ausbildung und Erfahrung des Untersuchers steht und fällt. Um mehr Qualität und vor allem einheitliche Standards in die Herzuntersuchungen zu bringen, hat er zusammen mit einigen Mitstreitern das Collegium Cardiologicum gegründet. Mittlerweile gibt es bundesweit dort geschulte und geprüfte Fachärzte für Kardiologie, die nach diesen Standards untersuchen und deshalb auch die von einigen Zuchtverbänden geforderten Herzuntersuchungen machen dürfen. Mehr Infos gibt es hier: www.collegium-cardiologicum.de

 

Wir müssen nun wieder schulmedizinisch entwässern, die schöne Zeit ist wohl vorbei. Lange geht das bei den Werten nicht mehr, wir werden sehen, ob wir die Kurve nochmal kriegen.

 

Die Untersuchung findet übrigens im Rahmen eines Sammeltermins statt, den wir mit ein paar Leuten organisiert haben, um die Gentestforschung in den USA zu unterstützen. Leider sind noch einige Hunde dabei, die mit der Diagnose DCM nach Hause gehen werden. Heute ist die Quote 50 % gesunde Hunde und 50% kranke. Und das bei Hunden, von denen wir das wirklich nicht gedacht hätten, junge Hunde sind dabei. Dieses Erlebnis wird sich bei den folgenden Sammelterminen noch einige Male in unterschiedlichen Anteilen wiederholen. Wie schlimm steht es wirklich um die Rasse? Man weiß es nicht, es gibt keine ausreichenden Daten. Ich sehe schwarz, *ironiemodusan* aber ich bin ja auch hysterisch und vor allem paranoid *ironiemoduswiederaus*.

 

Mehr Infos zur Gentestforschung in USA hier.

 

Ich kann es nicht mehr hören, wie lange wollen denn die Verantwortlichen noch die Augen vor den Realitäten verschließen. Ich reiße mich zusammen – um die Augen zu verschließen, muss man ja erstmal etwas wissen. Also weiter Daten sammeln, Erlaubnisse einholen zum Veröffentlichen und dann das Zuchtbuchamt informieren. Das scheint mir der richtige Weg, alles andere nützt nichts, vor allem nicht, den Kopf in den Sand zu stecken und nur um das eigene kleine Universum zu kreisen.

 

September 2006

 

 

 

 

 

 

Ich könnte irre werden. Das aktuelle Blutbild hat gezeigt, dass die Schilddrüsenwerte in den Keller gehen. Also gibt es nun ein Schilddrüsenhormon dazu, das den Medikamentencocktail  vervollständigt. Nun muss ich mit der Entwässerung aufpassen, da diese die Wirkung verstärkt. Was für eine Eiertänzerei, diese Medikamente mit ihren Wechselwirkungen. Ich kann bald nicht mehr.

 

Momentane Verschreibung: 1 Euthyrox, 2 x 3 Vetmedin, 3 x 2 Furosemid, 1,5 Vasotop, ½ - 1 Previcox, als Zusatz noch Vitamin B, Vitamin C, GAGs, L-Carnitin, Taurin. Hilfe!

 

Treffe mich mit Bettina an einem schönen sonnigen Tag am Rhein, sie macht wunderbare Fotos. Ich freue mich so darüber, das kann sich niemand vorstellen. Auf vielen Bildern sieht man, wie schlecht es ihm bereits geht, aber es sind unschätzbare Erinnerungen.

 

Oktober 2006

 

 

 

 

 

Es geht los. Das kenne ich noch vom Khan. Eine kleine Stresssituation mit einem Golden Retriever, der freilaufend und äußerst frech auf uns zukommt und von Tyras verwarnt wird, und bumms ist es passiert, er liegt im Dreck. Herr Tüdfried hat auf diesem Spaziergang seine erste Synkope. Er bricht zusammen, guckt dumm in der Gegend herum und steht dann wieder auf. Läuft weiter, als sei nichts gewesen. Mir stockt das Blut in den Adern. Ich versuche, mir meine Angst nicht anmerken zu lassen, aber wieder zurück am Auto rufe ich als erstes in der Tierklinik an und mache einen Termin. Zum Glück können wir direkt einige Tage später  hin, das ist das Vorrecht des Stammgastes… Es ist ja keine Gefahr im Verzug, aber wissen möchte ich es trotzdem. Das war beim Khan der Anfang vom Ende, ich richte mich seelisch schon mal darauf ein, dass wir nicht mehr viel gemeinsame Zeit haben.

 

Es folgen noch weitere zwei Zusammenbrüche in den nächsten Tagen. Die erneute Untersuchung in Duisburg zeigt eine weitere Verschlechterung, nun geht es rapide bergab. Wieder Abschied nehmen.

 

November 2006

 

 

 

 

 

Am 9. Dezember bricht Tyras mir auf einem wunderschönen, zwar kalten aber sonnigen Spaziergang im Feld zwei weitere Male zusammen. Zwei mal auf einem Spaziergang, das hatten wir auch noch nicht. Seine Hinterbeine und die Kruppe sind eiskalt, und das liegt nicht am Wetter. Ich habe Angst, dass er mir auf dem Feldweg stirbt. Ich gehe schon seit längerer Zeit nur noch Wege, an die ich auch mit dem Auto herankomme – für den Notfall. Und nun entscheide ich, dass ich ihn das nicht länger zulassen kann und will. Es ist mal wieder Wochenende, also werden wir, sobald wir daheim sind, einen Termin für Montag machen und ein letztes Mal zum Tierarzt fahren. Wir kommen glimpflich wieder am Auto an, im Schneckentempo zwar, aber auf den eigenen Beinchen und gar nicht mal so schlecht.

 

Und was macht der kleine schwarze Querkopf? Was er immer gemacht hat – er trifft seine eigene Entscheidung.

 

Die Heimfahrt aus dem Feld dauert etwa 3 Minuten. Zu Hause angekommen öffne ich die Kofferraumklappe. Möppelchen Nana springt mir entgegen, aber Tyras liegt auf der Seite, ihm flattern die Augenlider und er atmet äußerst schwer. Ich weiß Bescheid, es geht zu Ende, das merkt auch der Dümmste. Ich setze mich zu ihm und streichle ihm den Kopf. Es dauert nicht lang, vielleicht einige Minuten, die mir aber wie eine Ewigkeit vorkommen. Ich habe keine Ahnung, wie lange wir dort gesessen haben. Gegenüber spielen die Nachbarskinder im Vorgarten fröhlich Fangen, sie bekommen nichts davon mit. Als es vorbei ist, schließe ich die Klappe wieder und gehe wie in Trance ins Haus. Ich sage Alexander Bescheid, dass Tyras gerade gestorben ist. Irgendwie stehe ich völlig neben mir.

 

Dann rufe ich in der Tierklinik an, um unser Kommen anzukündigen. Ich konnte noch nie einen Hund verbuddeln, und Dr. Kresken hatte sein Interesse bekundet, Tyras’ Herz pathologisch untersuchen lassen zu dürfen. Nun soll er es auch bekommen, mehr können wir für die Forschung nicht mehr tun.

Ich bitte um Kontaktaufnahme mit ihm und um Rückruf. Das wird netterweise prompt erledigt, man sagt mir, ich solle bitte kommen, man werde sich um Tyras kümmern. Er wird sogar beim Namen genannt, wie lieb.

Ich heule schon wieder, ich weiss gar nicht, wie ich die Fahrt in die Tierklinik schaffe. Aber irgendwann bin ich da, reiße mich beim Aussteigen zusammen und versuche, die Fassung nicht schon wieder zu verlieren, Gelingt mir natürlich nicht, aber nun ist es mir auch egal. Mir tun die anderen Patientenhalter ein wenig leid, die da im Wartezimmer sitzen mit ihren kranken Tieren – wie wirkt das, wenn da so eine verheulte Tante reingewankt kommt und sagt, sie stehe mit ihrem Auto und dem toten Hund hinten auf dem Parkplatz? Wohlfühlatmosphäre geht anders, aber ich kann es nicht ändern.

 

Nach ca. 20 Minuten war immer noch keiner da, ich sitze neben meinem toten Hund im Kofferraum und habe ihm sogar noch sein schwarzes Lederhalsband abgenommen. Wann kommt denn endlich jemand und erlöst mich aus dieser schrecklichen Situation?

Endlich zeigt sich ein Pfleger am Hintereingang, der macht nur eine Raucherpause und sieht mich ziemlich erschreckt an, als ich auf ihn zukomme. Mir egal, wie ich aussehe. Man hat mich wohl vergessen oder verdrängt oder was weiß ich. Ich bitte ihn, sich meiner anzunehmen und er verspricht, sofort einem Kollegen Bescheid zu sagen. Die beiden kommen dann auch nach wenigen Augenblicken mit einem Rollwagen und wuchten Tyras’ toten Körper darauf. Das machen sie alles recht neutral bis nett, ich bin ihnen dankbar, dass sie mit meinem Hund noch so gnädig umgehen, zumindest in meinem Beisein.

 

Dann sind sie weg und ich bin mit Nana allein am Auto. Muss mich erstmal beruhigen und rauche eine nach der anderen. Dann rufe ich meine beste Freundin Anja an und heule mich aus. Heute ist Versammlung bei der OG, sie möge mich bitte entschuldigen, aber das kann ich heute nicht. Wir heulen zusammen am Telefon, dann lege ich auf und schreibe Regina noch eine SMS. Dann mache ich mich auf den Heimweg. Der ist lang wie nie.

 

Zuhause sitzt meine zweieinhalbjährige Tochter in der Küche und sieht mich verwirrt an. Was sage ich dem Kind? Zum Glück bin ich ein wenig vorbereitet, es war ja abzusehen. Also erkläre ich mit einfachen Worten, dass Tyras gestorben ist, weil er sehr alt war (haha!) und sehr krank. Und dass er nun dem Christkind im Himmel hilft, die Geschenke für Weihnachten einzupacken. Himmel!

 

Lange saßen sie dort und hatten es schwer
doch sie hatten es gemeinsam schwer
und das war ein Trost.
Leicht war es trotzdem nicht.

Astrid Lindgren


Dezember 2006

 

 

 

 

Ich bin sehr dankbar für die Zeit, die ich mit ihm hatte. Ich möchte diese langen Monate der Leidenszeit aber nicht verklären, zum Teil war es einfach nur schrecklich, diesen Verfall mitzuerleben. Wie aus einem lebenslustigen, sportlichen, kräftigen Kerl ein Wrack wird, das sich durchs Leben kämpft. Wie man immer wieder abwägen und entscheiden muss, ob man ihm und sich selbst das noch zumuten kann. Sowohl nervlich als auch finanziell. Ich finde, das sollte nicht unerwähnt bleiben – unterm Strich standen knapp € 6.000,- für die Behandlungen und Medikamente seit Oktober 2005. Die gefahrenen km natürlich nicht gerechnet, und die durchgeweinten Nächte auch nicht…

 

Ich bin sehr dankbar für all die Freunde, die uns in dieser langen schweren Zeit geholfen haben. Die mir zugehört haben, wann immer mir danach war, mich auszuheulen oder die kleinsten Verbesserungen zu feiern, von denen jeder wusste, dass sie nicht von Dauer sind.

 

Ich hoffe, ich konnte all jenen ein wenig helfen, die unseren Weg gekreuzt haben, die die gleiche Diagnose haben oder hatten, in unterschiedlichen Stadien. Die inzwischen auch schon gestorben sind oder erlöst werden mussten. Oder die den Weg noch vor sich haben. Bleibt tapfer! Ich habe ein kleines Forum gegründet, unsere kleine Selbsthilfegruppe unter www.dcm-in-danes.com

 

Man merkt, dass man damit nicht allein ist auf der Welt. Ich wünsche Euch allen noch viel Kraft auf Eurem Weg, denn ich weiss, was noch auf Euch wartet und möchte das nicht nochmal erleben.

 

Wie es inzwischen weitergegangen ist?

 

Ich habe immer mal wieder mit Dr.Hollensteiner telefoniert, der mich zur Ruhe und Besonnenheit gemahnt hat. Im Februar und im April 2007 habe ich Briefe an den Zuchtausschuss geschrieben mit all dem, was ich in der Zwischenzeit an Fachartikeln, Informationen und Daten gesammelt habe. Als Folge daraus wurde ein Herzultraschall als Voraussetzung für das Prädikat „Zuchtempfehlung“ übernommen. Kleinvieh macht auch Mist.

 

Auf der HV im Mai wurde aus dem bayerischen Raum ein Antrag gestellt, dass man alle Zuchttiere einem einmaligen Herzultraschall unterziehen solle, um Daten zu gewinnen. Dr. Hollensteiner wurde gebeten, kurz dazu zu referieren, was er ruhig und sachlich getan hat. Dafür gebührt ihm Dank. Der Antrag wurde mit Pauken und Trompeten abgelehnt. Wundert sich jemand? Die Zeit ist noch nicht reif für solche Quantensprünge.

 

Nach der Neuwahl des Hauptvorstandes habe ich das Thema einige Monate ruhen lassen. Ich hatte allerdings das Gefühl, dass es bei Zuchtausschuß und Zuchtleiter nicht recht weitergeht. Obwohl man mir auch dort zugehört hatte und mir geholfen hat, wo es ging. Mir gehen halt manche Dinge nicht schnell genug oder das Ergebnis ist nicht ganz zufriedenstellend…

 

Dann habe ich im August den neuen ersten Vorsitzenden angerufen und auch ihm mein Herz ausgeschüttet. Wir haben mehrmals telefoniert, mails hin und hergeschickt und uns recht kurzfristig zu einem persönlichen Gespräch getroffen.

 

Als Ergebnis daraus bin ich im November 2007 nach Kassel zu Frau Dr. Pfeiffer gefahren und habe ihr alles übergeben, was ich zu dem Thema habe. Inklusive meiner Ahnentafel-Datenbank, die ich mir inzwischen aufgebaut hatte, und rund 30 tierärztlichen Befunden von DCM diagnostizierten Hunden, die ich mit Erlaubnis der Eigentümer mitnehmen durfte.

 

Im Januar 2008 erfolgte eine Veröffentlichung zum Thema DCM von Frau Dr. Pfeiffer im monatlichen Clubmagazin. Nicht ganz nach meinem Geschmack, da sehr fachlich gehalten, aber immerhin schon mal besser als totschweigen J

In diesem Artikel ruft sie unter anderem dazu auf, ihr Ahnentafeln und Befunde von diagnostizierten Hunden zu schicken, da sie den 2001 in den USA gefundenen Erbgang untersuchen möchte. Ich hoffe, sie bekommt ausreichend Daten, um Licht ins Dunkle zu bringen! Da hilft nur Transparenz.

 

Mittlerweile gibt es außerdem eine mit EU-Geldern geförderte Forschergruppe von führenden Wissenschaftlern auf den Gebieten der Genetik und der Veterinärmedizin. Diese Gruppe sitzt in Schweden und erforscht die DCM auch explizit bei der Deutschen Dogge. Hier könnten sich wichtige Anhaltspunkte auch für einen Gentest ergeben.

Man benötigt Blutproben von diagnostizierten Hunden (incl. fachärztlichem Befund) und auch Blutproben von befundfreien (ergo alten) Hunden. Dies scheint mir ein sehr zukunftsweisendes Projekt zu sein, und ich bin voller Hoffnung, dass der Verein es unterstützen wird. Unser Kardiologe Dr. Kresken tut es jedenfalls, und das auf eigene Kosten.

 

Es geht voran und am Ende wird doch noch alles gut J oder?

 

Ich habe übrigens im März 2007 einen Schäferhundwelpen bekommen. Eine Dogge möchte ich im Moment nicht haben – das heißt, ich hätte schon gern eine, aber ich traue mich nicht so recht ran an das Thema. Vielleicht irgendwann mal wieder, so ganz werde ich die Finger nicht davon lassen können ;-)

 

 

Inzwischen